Warum Kinder lesen – und warum nicht: Teil 1

Kein Vorbild

Genauso könnte man fragen, warum einige Menschen lesen und warum andere nicht.

Seit mehr als 25 Jahren bin ich Buchhändlerin und genauso lange frage ich mich das. Und nicht nur ich allein. „Stiftung Lesen“ und der Friedrich-Bödecker-Kreis für Leseförderung fragen sich das. Die Bürgerstiftung Bremerhaven fördert Leseclubs von Schulen in der Stadt – und redet viel zu wenig darüber. Viele Schulen haben mehr oder weniger gut sortierte Bibliotheken. Es gibt Bücherkindergärten (eine Initiative des o.g. Bödeckerkreises), Sie sehen also – an Ansätzen zur Leseförderung mangelt es nicht.

Warum also lesen – angeblich – immer weniger Menschen? Wobei man vorsichtig sein muss mit dieser Statistik, denn mir ist nicht ganz klar, auf welchen Daten sie basiert. Nicht jeder meldet seine gelesenen Bücher einer Website… aber viele.

Vielleicht ist es die vielgerühmte Digitalisierung. Angeblich wird ja viel dafür getan. Ich bin mir nur nicht so sicher, dass das der heilige Gral ist. Vielleicht sollten wir etwas Dampf herausnehmen und uns lieber wieder auf echte Werte besinnen.

Das klingt ein wenig wie aus einem Glückskeks, aber überlegen wir doch mal. Die meisten von uns fühlen sich vom Alltag gehetzt – ich auch. Viele Familien nehmen sich dennoch die Zeit, ihren Kindern vorzulesen, solange diese klein sind. Doch danach gehört das Lesen vielleicht nicht mehr unbedingt in den Tagesablauf. Wie auch mein Mann bin ich in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen, dennoch hatten wir viele Bücher zu Hause und ich habe meine Eltern als Erwachsene lesen sehen, Zeit mit einem Buch verbringend. Wenn Kinder das beobachten, imitieren sie es auch und übernehmen es mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihr Erwachsenenleben.

Unser Alltag zerrt aber die ganze Zeit an uns herum und macht uns sprunghaft und unkonzentriert. Das kann und soll man nun nicht abstellen – nicht jeder von uns kann in einem einsamen Wald leben – aber man kann sich Zeiträume schaffen, in denen die Ruhe vorherrscht, zu lesen. Und in denen man sich und Kindern zugesteht, zu lesen, auch wenn es anderes zu tun gäbe.

Denn wenn man nicht liest, wie arm ist dann doch das Leben?

Schalten Sie wieder ein, wenn wir in der nächsten Folge diskutieren: Die Angst vor der Langeweile