Warum Kinder lesen – und warum nicht: Teil 2

Die Angst vor der Langeweile

Eigentlich unverständlich – Menschen haben Angst, zu lesen. Dafür gibt es, glaube ich, gar keinen Fachausdruck – ich biete einen an: Lektophobie.

Eigentlich haben sie gar keine Angst, zu lesen, sondern davor, sich beim Lesen zu langweilen. Das kann ich verstehen, das mag ich auch nicht. Vielleicht hält es eine Menge Kinder davon ab, mehr zu lesen – die Angst, dem Buch nicht folgen zu können, weil der Inhalt zu schwierig ist.

Ich habe keine Kinder. Naja, ich habe eine Firma, das ist auch ein Kind. Und einen Ehemann. Das zählt doppelt. 🙂 Ich kann nur darüber nachdenken, was mich als Kind zum Vielleser gemacht hat und welche Schlußfolgerungen man daraus ziehen könnte. Die Nachahmung haben wir letzte Woche schon besprochen; die Neugier an der Welt könnte man es nennen, was meinesgleichen an die Bücher treibt.

Woher kommt die Angst? Auch ich hatte eine wohlmeinende Tante – Vielleserin – die mich zum Geburtstag stets mit Büchern bedacht hatte, die zu schwierig für mein Alter waren. Mit einigen dieser Bücher kam ich nicht klar, habe sie abgebrochen und später nie wieder angerührt. Das Gefühl, mit dem Inhalt nicht zu Rande gekommen zu sein, hat sich offenbar tief eingebrannt. Die Angst vor einer neuen Leseenttäuschung ist da.

Ein guter Grund, um heute dafür zu plädieren, Kinder lesen zu lassen, was ihnen Spaß macht. Nichts ist zu einfach, zu schwierig, zu hart, zu peinlich oder unpassend. Oder was ich auch oft in meinem Job höre: bitte empfehlen Sie mir für das Kind nichts Belastendes, nichts vom Krieg und nichts mit kranken oder toten Menschen. Weil – was? Kinder bleibende Schäden durch Bücher verursacht würden? Ernsthaft? Bei dem ganzen Kram, der uns in den Nachrichten präsentiert wird?

Wissen Sie, was wir als Kinder damals gerne gelesen haben? „Die Brüder Löwenherz“ – kranke und tote Menschen; „Robin Hood“, nacherzählt von Rosemary Sutcliffe – hartes Leben, ewiger Kampf gegen ein übermächtiges Establishment, toter Held mit langer Sterbeszene; „Die unendliche Geschichte“ – seuchenartiger Naturraubbau, kranke Kaiserin, gemobbter Held; „Die letzten Kinder von Schewenborn“ – dystopische Verhältnisse, sterbende Menschen, tote Eltern und schlechte Aussichten für die Zukunft; „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ – Krieg; Anne Franks Tagebuch – Krieg; Bille und Zottel…okay.

Ich kann es den Kindern nachempfinden: bei jedem Buch, das ich anfange, freue ich mich entweder darauf oder hoffe, nicht enttäuscht zu werden. Und wenn man noch nicht so viel gelesen hat in seinem Leben, möchte man einfach nicht enttäuscht werden. Liest man viel, kann man auch ein Buch wegstecken, das nicht den Rest des Lebens verändern wird, aber Kinder brauchen Erfolgserlebnisse. Die bekommen sie am besten, wenn man sie lesen lässt, was ihnen Spaß macht. Und sei es ein Comic – Comics sind anspruchsvoll! In Entenhausen spricht man ein wohlerzogenes, gebildetes Deutsch – zur Nachahmung empfohlen.

Lest doch, was ihr wollt.

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