Mein Leben als Selbstständige

Es kommt häufiger mal vor, dass ich eingeladen werde. Von Freunden, aber auch von Kunden, zu Kulturveranstaltungen zum Beispiel. Oft muss ich absagen, eigentlich fast immer. Denn ich arbeite viel. Selbst. Und ständig. Denn ich bin selbstständig.

Was sich als Flachwitz tarnt, ist die nackte Wahrheit. Und ich bin nicht die einzige Selbstständige der Nation und es gibt Selbstständige, die noch viel mehr arbeiten als ich, aber es stellt das Leben schon komplett auf den Kopf.

Wer sich midlifegecrist nach einer neuen Herausforderung sehnt, gegen Schlangenbisse und Tropensonne allergisch ist und sich zu alt für ein Baby fühlt, dem kann ich Selbstständigkeit nur empfehlen. Das ist das ultimative Zivilisationsabenteuer, das einen völlig einnimmt. Und auch die Familie, so man welche vorweisen kann. Oder dann noch vorweisen kann.

Was man für Selbstständigkeit unter Umständen aufgeben muss: regelmäßige Arbeitszeiten, Urlaub, Nachtschlaf, Krankheiten und Verletzungen, Sport (u.U. wegen eben der Verletzungen), Familienleben, regelmäßige Anwesenheit bei Vereinssitzungen, Weihnachtsfeiern, Familiengeburtstagen, Klassentreffen oder ähnlicher Termine mit wiederkehrender Natur, geplante Freizeitgestaltung, Kontodeckung, Anonymität in der Öffentlichkeit, Anonymität im Internet, planmäßiges Arbeiten, geregelten Tagesablauf, Reisen, Telefonabstinenz.

Jeden Tag beginne ich mit einem bestimmten Plan im Kopf. Der hat eine bemerkenswert kurze Halbwertzeit und ist spätestens, wenn man auf der Arbeit ankommt, schon wieder dahin. Ich habe mich mittlerweile an kleinere Katastrophen gewöhnt, die ohne mein Zutun eben einfach so geschehen. Das sind nicht mal unbedingt buchhändlerische Schwierigkeiten wie ein Lieferausfall des Großhändlers, wenn man gerade an diesem Tag 400kg Schulbuch erwartet. Sondern auch Internetausfälle, brennende Nebenhäuser oder vollgelaufene Keller der Nachbarn, die den Stromanbieter dazu zwingen, den Strom im gesamten Straßenzug abzustellen. Alles schon passiert. Wir können aber auch ohne Strom, ohne Telefon und ohne Internet arbeiten. Nicht ohne Kaffee.

Die Welt wird kleiner und gleichzeitig größer. Ich habe Schwierigkeiten, Erzählungen zu folgen, die in anderen Stadtteilen spielen- ich komme selten aus meinem Kiez heraus. Ist ja aber nicht schlimm; die Welt kommt ja hier vorbei.

Häufiger werde ich gefragt,ob ich es bereue, mich selbständig gemacht zu haben. Ich sage dann immer, ja, immer mal für 10 Minuten, dann ist es wieder gut. Tatsächlich reflektiere ich manchmal schon, ob das eine kluge Entscheidung war. Wenn ich nicht meinen Mann hätte, der absolut mitzieht, dann wäre ich verloren. Oder Single.

Ich bereue es nicht, auf keinen Fall, denn nie habe ich so viel erlebt wie in den letzten 10 Jahren, so viele fantastische Menschen kennen gelernt: unsere Kunden, von denen manche zu Freunden wurden, Freunde, die zu Mitarbeitern wurden, Autoren, Nachbarn, Projektgestalter, Stadtteilmacher.

Womit ich nicht gerechnet habe, ist der große Anteil an Ärger und Sorgen. Ein Morgen auf der Arbeit, der ohne Zwischenfälle daher kommt, macht mich misstrauisch. Mit der Post kommt dann vielleicht schon die nächste Ankündigung einer Gesetzesänderung für irgendeinen Lala, den wir als Händler aber unbedingt innerhalb der nächsten 48 Stunden ändern müssen, sonst landen wir vor dem Europäischen Gerichtshof… blablabla. Solche Sachen ärgern mich, Dinge, die nichts mit dem eigentlichen Beruf zu tun haben und manchmal auch völlig schwachsinnig sind, aber dringend erledigt werden müssen. Ich habe nichts dagegen, viel zu arbeiten, ich habe aber etwas dagegen, meine Arbeitszeit an die Befindlichkeit von EU-Richtlinien zu verschwenden.

Kürzlich hat jemand gesagt, ich wäre 24 Stunden am Tag Buchhändlerin. Das bin ich, wahrscheinlich. Oder vielmehr eine 80-Stunden-die Woche-Buchhändlerin, manchmal mehr. Jede Woche, das ganz Jahr, zehn Jahre lang, mit 5 Tagen Urlaub im Jahr. Kann man so machen, man kann es überleben, sehr gut, sogar. Wie lange, das werden wir sehen. Einige warnen mich vor Überarbeitung, obwohl ich nun schon zehn Jahre lang selbstständig bin – sollte ich meine Belastbarkeit nicht allein dadurch schon unter Beweis gestellt haben?

Man wird abgeklärter, in der Hafenstraße aber auch reizbarer. Man läuft nicht mehr allen Trends hinterher. Man hat so vieles schon erlebt und weiß trotzdem, das ist noch lange nicht alles, womit das Leben einen überraschen kann. Es gibt immer noch etwas, was einem einen Knüppel zwischen die Beine werfen kann und die Ecke, aus der das kommt, hatte man nicht auf dem Schirm. Selbstständigkeit im Einzelhandel ist eine besondere Form der Selbstfolter. Das zu leben, dafür muss man vielleicht geboren sein. Oder, wie ein Kunde es mal ausdrückte, es ist ein Gendefekt.