Eine Buchhandlung ist mehr als nur ein Shop

Das Leben geht ja offensichtlich weiter, zumindest für die allermeisten von uns. Trotzdem teilen wir diese seltsame Zeit in ein Davor und ein Danach ein. Nicht wenige von uns wundern sich angesichts des Blicks auf den Kalender, wo das erste Halbjahr 2020 geblieben ist. Und fragen sich, was das zweite wohl noch bringen wird.

Ich bin von der Zucht her – mein Papa war selbstständig – vorsichtig optimistisch ob der Zukunftsplanung. Schwierig finde ich Entscheidungen, die Wareneinkauf und Werbemaßnahmen betreffen. Fest vorgenommen habe ich mir, dass keiner meiner Mitarbeiter seinen Job verlieren soll für etwas, was wir nicht verkabelt haben. Dann lieber woanders sparen. Fragt sich nur, wo.

Der Alltag hat uns nun schon so lange wieder – wir haben bereits seit 11 Wochen wieder geöffnet – und doch ist so vieles anders. Wir führen derzeit keine Veranstaltungen durch – heute wäre Lesekreis gewesen, ist aber nicht wegen ist nicht. Für die Zukunft der Veranstaltungsplanung bin ich wie so häufig in diesem Jahr nicht verantwortlich. Das machen andere für mich.

Andere haben ja auch darüber befunden, dass Buchhandlungen in Krisenzeiten obsolet sind. Dabei bin ich der Meinung – wie viele Kunden und Kollegen auch – dass gerade in Zeiten der Krise Bücher ein wichtiges Lebensmittel sind. Und kein überflüssiger Tand.

Die Nachfrage nach bestimmten Titeln hat sich geändert, im Lockdown, aber vor allem Danach. Der persönliche Bewegungsradius mag kleiner geworden sein, aber der Wissensdurst ist nicht mit abgestorben. Allerdings lesen wir alle nun ab und zu ganz gerne „was Schönes“ als Alternativprogramm zu den Fernsehnachrichten. Oder auch völlig blutrünstige Krimis, je doller, je besser. Hauptsache nichts, was an die Wirklichkeit erinnert.

Bei solchen Anfragen können wir helfen. Doch dabei bleibt es nicht: wir tauschen mit dem Zahlungsmittel (gerne bar) ja nun auch immer Geschichten aus, Nachrichten, Empfindungen. Wie stupide wäre mein Beruf, würde nur Ware über den Tisch gehen. Geht aber immer auch ein bißchen Persönliches mit rüber, die Nachfrage nach dem Befinden auf beiden Seiten. In 10 Jahren haben sich Kundschaft und Buchhändler angefreundet.

Und wir hören so viele Geschichten! Wir alle zusammen stecken in derselben Kacka – so etwas gab es lange nicht. Fussball-WM 2006, aber da war der Anlaß etwas anders. Das Wetter auch.

Wenn ich einfach nur ein Shopgirl wäre und das hier einfach nur ein Shop, ohne die ganzen persönlichen Geschichten, ohne die ganze Anteilnahme, sowohl von den Kunden an unserer Situation als auch anders herum… wenn das hier nicht mit so viel Liebe zum Kulturgut Buch aufgebaut wäre und wir nicht so viele treue, schlaue und wunderbare Kunden hätten… wenn ich nicht hier schon so viele Kundenkinder hätte groß werden sehen und neue nachkommen… wenn ich hier nicht so tolle Mitarbeiter hätte, die gerne hier arbeiten (nehme ich zumindest an)…

… dann, ja dann wären wir obsolet, nicht wichtig, nicht systemrelevant. Aber das ist Buchhandel nicht, keine Buchhandlung. Weil man in Krisen Bücher umso mehr braucht, genau so wie die persönliche Beratung. Oder einfach auch nur mal das offene Ohr der Buchhändler, den Austausch, einen Scherz oder den Zuspruch.