Das Märchen vom Märchen von der Leseförderung

Da hatte die Stiftung Lesen doch mal eine ganz hervorragende Idee: Leseförderung für bildungsferne Familien. Der Plan war, eine Million Bücher mit den Märchen der Brüder Grimm drucken zu lassen und dann an interessierte Familien zu verteilen. Anlass: der Weltkindertag am 20.September. Die Durchführung: der Druck der Bücher und die Registrierung (!) der Kunden über amazon, die Verteilung über die großen Buchhandelsketten Hugendubel und Thalia.

Der Plan – wie sagt man heute – leakte. Im Juni sickerten Informationen an die „übrige“ Buchhandelsbranche durch, dass eine große Aktion an ihnen vorbei geplant worden war. Die Branche regte sich auf und die Stiftung Lesen geriet in Erklärungsnot. Es folgten innerhalb eines Telefonats filmreife Verstrickungen in Widersprüchen. – Tausende von unabhängigen Buchhandlungen empfanden die Aktion der Stiftung Lesen als Vera-lberung. Und äußersten das auch – öffentlich.

Schließlich bot man dem Buchhandel großzügig an, ebenfalls Exemplare des Märchenbuchs bestellen zu dürfen. Und es gab 550 Kollegen des unabhängigen Buchhandels, die diesem Angebot folgten.

Wie brisant diese ganze Aktion ist, kann man vielleicht nur nachempfinden, wenn man eine inhabergeführte Buchhandlung besitzt. Wäre es eine Aktion, deren Planung und Durchführung eine Geschichte zwischen amazon, Hugendubel und Thalia wäre, so würde ich sagen „so what“ und zur Tagesordnung übergehen. Doch die Stiftung Lesen ist involviert – und das ist nicht okay. Die Stiftung Lesen wurde unter anderem vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufen, dem Börsenverein, der Bundesverband und Interessenvertreter von Verlagen und Buchhandlungen ist, allen Buchhandlungen, nicht nur Ketten.

Wir brauchen keinen Keil, den die Stiftung Lesen zwischen inhabergeführte Buchhandlungen und Buchhandelsketten treibt. Ketten sind nichts anderes als ehemalige inhabergeführte Buchhandlungen, die in Einzelfällen vielleicht vergessen zu haben scheinen, warum wir das hier alles machen. Leseförderung machen wir – machen wir schon lange, dazu brauchen wir keinen Luxemburger Global Player ohne Steuerpflicht. Sich dem an den Hals zu werfen, sollte für jeden Buchhändler, der stolz auf seine Profession ist, ein No-Go sein. Der Buchhandel muss zusammenhalten. Wir haben einen tollen, unglaublich fordernden und abwechslungsreichen Beruf. Aber wir verlernen gerade, stolz darauf zu sein.