Marc-Uwe Kling lesen und für’s Leben lernen

Mein guter Vorsatz für jedes Jahr lautet stets, keine guten Vorsätze zu fassen. Ohnehin habe ich wenige Laster, die ich mir abgewöhnen sollte; sicherlich gibt es immer etwas am Lebenstil zu verbessern, aber ehrlich gesagt, fehlt einem Selbständigen dazu oft die Kraft.

Aber in dieses brandneue Jahr bin ich zu meinem großen Erstaunen mit etwas mehr Gelassenheit gestartet. Prompt fiel mir auf, dass so ein guter Vorsatz je auch rückwirkend gefasst werden könnte: mehr Gelassenheit ist ja auch nie verkehrt. Vielleicht ist es auch nur noch die Erschöpfung. Das Weihnachtsgeschäft war gut und hat viel Spaß gemacht – unsere Kunden sind der Hammer und das Team war klasse. Aber es war eben auch sehr anstrengend und jedes Jahr dauert es etwas länger, bis man sich davon erholt hat.

Erst gestern morgen drohte meine Gelassenheit, mich zu verlassen, nämlich als ich gewahr werden musste, dass die Sparkasse die Kassenschalter in der Zweigstelle Lehe geschlossen hat. Für immer. Man dürfe nun an den Automaten einzahlen, erklärte mir der nette junge Mitarbeiter, der meine Verständnislosigkeit erleben musste. Bisher habe ich immer an der Kasse eingezahlt, nicht nur, weil am Automaten meine Einzahlung schon einmal nicht gebucht wurde, sondern auch des persönlichen Kontaktes wegen.

Ich weiß, warum Banken so etwas tun, jeder weiß es: sie sparen damit Personal ein. Mitglieder der IG Metall gehen gegen so etwas auf die Straße, Mitarbeiter einer Bank erklären einem geduldig und akribisch den Automaten, der in Zukunft ihren Arbeitsplatz einnehmen wird. Lämmer, geht mir da durch den Kopf, Schlachtbank… lassen wir das. Wofür zahle ich eigentlich noch die hohen Gewerbekontengebühren, wenn ich dann doch alles selber machen muss? Auch eine der unendlich vielen Fragen des brandneues Jahres.

Vielleicht habe ich auch nur zu viel Marc-Uwe Kling gelesen bzw. gehört. Im letzten Herbst hat er uns „QualityLand“ vorgelegt und da wussten wir endlich, was er die Jahre seit dem Erscheinen des letzten Bandes der Känguru-Trilogie getrieben hat – außer durchs Land zu tingeln und Stadthallen zu füllen, selbstverständlich.

„QualityLand“ ist witzig, bitterböse, sehr politisch und äußerst klug. Es verlangt dem Leser so viel ab, wie er bereit ist, herauszulesen. Im Moment genieße ich es noch einmal als Hörbuch und mir dämmert, dass man – ähnlich wie das Känguru – dieses Buch wiederholt lesen und immer wieder etwas Neues finden kann.

Unterschwellig oder auch weniger unterschwellig merke ich, wie wütend Marc-Uwe Kling ist. Scharfsinnig verpackt er in seinen Witzen und Anspielungen, mit welchen Schwierigkeiten wir heutzutage zu kämpfen haben, im Alltag, auf der Arbeit, in der Politik, im Netz. Seine Satire „QualityLand“ spielt in einem Deutschland 30, vielleicht 40 Jahre in der Zukunft. Es könnte auch schon viel früher sein, denn die technologischen Entwicklungen, die stattgefunden haben, sind alle nicht mehr so weit weg: selbstfahrende Autos, Kameraüberwachung in jedem Haushaltsgerät, die Zustellung unverlangter persönlicher Warenbestellungen per Drohne aufgrund von von Algorithmen ermittelter unbewusster Konsumwünsche, ein Wertesystem, das sich auf Bewertungen stützt. Wir lachen über die Situationen in diesem Buch, aber in Wirklichkeit sind sie schreckliche Utopien und es wird so geschehen, weil wir uns einfach nicht mehr wehren wollen. Wir wissen, worauf wir zusteuern und doch nicken wir alles ab und schalten dann um auf RTL II. Oder erklären Kunden den Automaten.

„QualityLand“ sollte als Pflichtlektüre an Schulen gelesen werden. Aber ich fürchte, wir haben die Generation Wischtelefon schon verloren.

„WERBUNG“:

„QualityLand“ – der neue Roman von Marc-Uwe Kling, dem Verfasser der „Känguru“-Trilogie. Jetzt im klugen stationären Buchhandel wahlweise in der „hellen“ und der „dunklen“ Ausgabe erhältlich. Lassen Sie sich den Unterschied von den menschlichen Mitarbeitern des Buchhandels erklären und nicht von Algorithmen.

„Kommentare“:

Von Buchmäuschen352: Prima Lektüre. Witzig.

Von schnatzi: Hab ich zu Weihnachten bekommen. Ist echt gut! Habs aber noch nicht angefangen.

Von Buchbloggerin: Ganz tolles Buch Lest doch auch meinen Blog unter www.blablablasoundso

 

 

 

 

 

 

 

 

Was sortiert der Sortimenter denn?

Wir Buchhändler heißen Sortimenter. Wir sortieren. Und zwar das, was an unser Lager soll und das, was wir nicht haben wollen. Und die Kriterien können durchaus sehr persönlich sein und manchmal machen sie auch wenig Sinn. Aber das ist das kleine Glück des Sortimenters: die persönliche Auswahl. Manchmal eben auch zum eigenen Nachteil.

Auch ich habe eine schwarze Liste, ganz geheim: Autoren, die mir nicht ans Lager kommen. Wer das ist, sage ich nicht, aber ich habe für jeden einen sehr guten, wenn auch verbohrten persönlichen Grund.

Ich sitze gerade zu Beginn der Adventszeit am Samstag Abend auf der Couch, nebenbei läuft Musik und es ist noch nicht ganz Zeit, das Abendessen zu machen. Also sortiere ich ein bisschen. Mal überlegen, was so fehlt am Lager. Mal gucken, was KNV so hat. Hölzchen – Stöckchen – dicke Abrechnung. Aber: Weihnachten ist’s bald und da fehlen nicht nur mir gute Ideen für sinnvolle Geschenke.

Kinderspiele, auch noch und ein paar Geschenkartikel. Haben wir noch genug Wein? Nach einer Stunde fällt mir ein, dass wir ja eigentlich mit Büchern handeln, aber ich bin mir sicher, da haben wir noch ein paar. Ganz ehrlich: das hier ist gar nicht so einfach. Ich meine, bin ich Jesus? Weiß ich, was die Kunden kaufen mögen?

Und doch ist genau das mein Job.
Love it!

„Der Bücherabend“: der Buchbesprechungsabend in der Buchhandlung Mausbuch

Am kommenden Freitag, den 17.November werden wir wieder unseren Bücherabend durchführen, den Buchbesprechungsabend der Neuerscheinungen dieses Herbstes.

Mit Matthias Rybak vom Barsortiment Könemann haben wir einen wunderbaren Partner gefunden, der ebenso viel liest wie mein Mann und ich. Zusammen stellen wir Ihnen zu dritt mehr als 30 neue Bücher vor, die uns besonders gefallen haben.

Zur Erfrischung werden wir Ihnen einen Schluck zu trinken reichen, damit Sie den Abend gut überstehen.

Um Anmeldung wird gebeten – 4834 471. Der Eintritt kostet 5 Euro. Los gehts um 19 Uhr.

Wer steuert, was wir lesen?

Heute morgen habe ich im Börsenblatt – dem Fachorgan für Buchhändler – einen interessanten Artikel gelesen: Kollegen berichteten über ihre guten Erfahrungen mit einem eigenen Regal für Spiegel-Bestseller. „Das verkauft sich wie von selbst“, sagen die Kollegen. „Rewe macht das auch. Das ist wirklich, was die Kunden wollen“, behaupten sie.

Wollen sie?

Solche Regale habe ich auch schon mal gesehen, manchmal bei Kollegen mit größeren Verkaufsfläche, die aber nicht zwangsweise mit größerer Kompetenz einhergehen muss. Jede Woche, wenn die neuen Spiegel-Bestsellerlisten erscheinen, wird dann im Optimalfall pünktlich das Regal neu durchsortiert und die Bücher nach Ranking aufgestellt. Nach dem Motto: wenn alle anderen Lemminge das Buch lesen wollen, wollen Sie das auch. Sie wissen es nur noch nicht.

Ich sträube mich – auch nach dem Artikel im Fachorgan – immer noch gegen eine solche Präsentation in meiner Buchhandlung. Zum einen halte ich meine Kunden für mündig genug, selbst einzuschätzen, was sie interessiert. Oder um Beratung zu bitten, die wir gerne anbieten. Zum anderen sind Geschmäcker verschieden. Auch wenn wir Bestseller führen, heißt es nicht, dass bei uns das Gießkannenprinzip herrscht. Was dem einen Kunden gefällt, muss für den nächsten noch nicht das Richtige sein. Da gibt es so Geschmäcker – und die sind verschieden.

Quelle der Bestsellerlisten sind Verkaufszahlen, dem Handel entnommen. Entlehnt sollte man vielleicht besser sagen. Bücher, die an einem Freitag erscheinen, finden sich am Dienstag auf Platz 1 der Bestsellerliste. Verdächtig schnell, sagen Sie? Ja. Aber das kann schon hinkommen, wenn wir von Stapeltiteln sprechen, die sich wie geschnitten Brot verkaufen und Großbuchhandlungen ihre Verkaufszahlen des Tages sofort an Mediacontrol melden. Welch grausige Vorstellung! Die Kaufentscheidung des Einzelnen schlägt sich sofort nieder in einer Statistik.

Was ist los mit uns? Sind wir nicht sonst immer scharf auf unsere Individualität? Aber beim Lesestoff lassen wir uns von der breiten Masse gerne leiten. Haben wir solche Angst vor einem Leseflop, dass wir lieber der Majorität vertrauen als unserem eigenen Instinkt?

Wie wichtig ist die Spiegel-Bestsellerliste für Buchhändler, wie wichtig für Leser? Können auch Bücher gut sein, die nicht auf der Bestsellerliste landen? Können Buchhandlungen nicht eigene Bestseller haben, weil ihnen bestimmte Titel am Herzen liegen, die sie gern an die richtige Person verkaufen? Und wer steuert, was auf die Bestsellerliste kommt? Autor Thorsten Schulte beklagte neulich öffentlich, man hätte ihn von der Bestsellerliste gestrichen, weil er einen kritischen Sachbuchtitel veröffentlicht habe. Na und? Sein Buch verkauft sich doch trotzdem. Unabhängig davon, ob ich den Titel mag oder nicht, kann ich seine Aufregung nicht verstehen. Wie kritisch ist ein Autor, der an solch einem unkritischen Medieninstrument hängt wie der Spiegel-Bestsellerliste?

Amerika ist wieder da!

Anscheinend brauchten sie erst eine schwere politische Krise, damit wieder ordentliche Belletristik aus dem USA kommt – zumindest in der vor Jahren mal üblichen Schlagzahl. Wobei, die derzeitige Präsidentschaft als „Krise“ zu bezeichnen, ist ja auch… ach, egal. Dazu ist, glaube ich, schon alles gesagt worden. Von intelligenteren Menschen als mir.

 

 

 

 

 

Dies sind nur einige der vielen guten Neuerscheinungen diesen Jahres aus den USA. Kritisch, historisch, starker Tobak. Gutes zu lesen. Hoffnung auf Besserung, denn wir sehen ja, es gibt noch schlaue Menschen in den USA, kritische Menschen, die mit der Situation alles andere als zufrieden sind.

Frankreich ist zwar Gastland der diesjährigen Buchmesse (dazu später mal mehr), aber den heutigen Beitrag wollte ich trotzdem den USA gönnen. Denn es freut mich sehr, dass endlich wieder so viel Gutes aus diesem Land kommt, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll.

 

 

 

 

 

Während andere in den Urlaub fahren, machen wir… was

Wir haben Lust, ein bißchen was umzubauen. Dabei wollen wir keine gravierenden Veränderungen vornehmen, schließlich sollen sich unsere Kunden anschließend im Laden noch zurechtfinden. Auch sind gewisse technische Gegebenheiten… gegeben, die nicht geändert werden können, egal, was Betriebsberater sagen würden. Steckdosen sind nicht aus Spaß an dem Platz in der Wand, wo sie sind. Und wo keine Regale stehen, stehen keine Regale, weil man dort keine stellen kann. Ende der Diskussion.

Trotzdem gibt es Möglichkeiten. Jetzt, wo alle im Urlaub sind – viele Kunden, aber auch ein paar unserer Mitarbeiter – können wir restlichen Mäuse in Ruhe ein wenig werkeln. Dann haben wir Überraschungen, wenn alle wiederkommen. Ta-da!

Den Neuerscheinungstisch haben wir durch ein paar aneinandergeklettete Regale ersetzt. Das bringt ein bißchen weniger Ablagefläche, aber jede Menge Stauraum unten. So konnten wir den englischsprachigen Büchern ein wenig mehr Raum verschaffen. Zum Beispiel. Von der Idee bis Absicht, die Idee umzusetzen, hat es 28 Monate gedauert. Von der Absicht, die Idee umzusetzen bis zur Realisierung dann nur noch 10 Tage. Inklusive Aufbau, durchgeführt vom meinem Mann an einem seiner Urlaubsnachmittage. Chapeau. Wer weiß, das wievielte Regal der arme Mann in unserer Ehe nun schon aufgebaut hat…

Tisch weg, Regale her

Einsatzbericht Tag 16875 auf dem Planeten Erde

Es ist Tag 16875 meines Aufenthaltes auf der Erde. Man könnte sagen, ich bin kein Neuling mehr hier, aber es gibt immer noch Situationen, die mich überraschen. Dabei beobachte ich sie schon lange, diese Erdenbewohner. Sie sind manches Mal einfach zu putzig zu beobachten und werden nimmer müde, mich zu erstaunen.

Erdenbewohnern – besonders der Spezies Mensch – ist die Kommunikation sehr wichtig. Sie sind von Natur aus Wesen, die sich gern austauschen, sei es wichtig oder auch nicht. Früher taten sie dies von Angesicht zu Angesicht, wenn sie auf dem Weg wohin aufeinandertrafen, mittlerweile haben sie kleine, technisch minderwertige, aber sinnlos überteuerte Geräte, auf denen man mit dem Finger so lange herumwischt, bis man seine Haltestelle verpasst. Ich bin mir nicht sicher, was man auf den Geräten sieht oder was man damit anstellen kann, aber sie müssen eine gewisse Faszination verströmen, denn jeder Mensch hat eines und starrt ständig darauf, im Gehen und im Stehen. Vielleicht ist ein geheimer Pheromonenzerstäuber eingebaut, wer weiß das schon. Irre.

Es gibt aber auch andere Exemplare der Spezies Mensch, die noch miteinander reden (eine Art aussterbender Kommunikationsform). Das sind die, die auch noch lesen. Lesen ist eine Form des Datenaustausches für vernunftbegabte Wesen, solche, die außer dem Äußeren auch das Innere ihres Kopfes nutzen wollen. Lesen tut nicht weh und ist nicht anstrengend, aber man muss es erst lernen. Das tut aber auch nicht weh. Zum Lesen braucht man ein Buch oder ein vergleichbares Datenaustauschgerät, das eben diesen Text enthält. Wenn man das Buch aufklappt, kann man dem Daten entnehmen und in sein Weltbild mit einbauen. Was hier so faszinierend einfach klingt, ist eine bahnbrechende Erfindung, die zur Zeit meines Tages 16875 auf der Erde viel zu wenig gewürdigt wird. Man akzeptiert diese nicht angeborene Fähigkeit einfach so, doch ohne sie ist man ziemlich am Popo, wie man hier so schön sagt.

Braucht man ein Buch, so geht man in eine Buchhandlung. Das ist ein Raum voller dieser faszinierender Gegenstände. Meist findet man dort auch noch weibliche Spezies Mensch vor sowie ein Möbel, auf dem ein Währungstransfergerät steht. Man kann sich eines dieser Bücher – oder mehrere – aussuchen, bei dem Weibchen Währung transferieren und diesen völlig unterschätzten Gegenstand mit in sein Raumschiff nehmen, um den Inhalt des Buches dann in sich aufzunehmen. Und was man alles für Informationen daraus entsaugen kann – faszinierend!

Das sollten viel mehr Menschen machen! Doch so sind sie, die Erdbewohner, schwer zu durchschauen. Ich versuche es – seit 16875 Tagen.

Denn es heißt Welttag – WELTtag – des Buches

Wie bereits im letzten Jahr stellten wir auch in diesem zum Welttag des Buches unsere Abendveranstaltung „Texte aus der Fremde“ auf die Beine, in Kooperation mit dem Nord-Süd-Forum e.V. in Bremerhaven, das immense Arbeit in der Flüchtlingshilfe geleistet hat und immer noch leistet, nicht zuletzt mit der Durchführung von Deutschkursen.

Aus diesen Deutschkursen kamen die meisten der Vorleser des Abends, die aus Syrien, dem Iran, Armenien oder der Türkei stammten. Sie lasen Texte in ihrer Muttersprache oder berichteten schon auf Deutsch von ihren ersten Erfahrungen in Deutschland. Wir hörten kurdische Musik und ein kurdisches Gedicht, erfuhren über die Bedeutung des 24.April für Armenier und verglichen arabische und deutsche Sprichwörter und stellten dabei fest, wie ähnlich sie sich sein können. Diesen Teil übernahm übrigens eine Deutsche, die nun Arabisch lernt.

„Texte aus der Fremde“, so waren sich alle einig, wird es auch zum nächsten Welttag des Buches wieder geben. Denn es heißt Welttag. Mit Betonung auf Welt.