Eskapismus is the thing, baby

Das Leben ist kompliziert geworden.

Es war vorher schon nicht einfach, nun ist alles so mühsam. Man muss für alles Zeitreserven einplanen, man muss immer einen Mund-Nasenschutz dabeihaben, man muss sich überall, wo man hinkommt, neu orientieren: Was ist hier los? Wie sind die hier drauf? Was darf ich? Fragen auch meine Kunden im Laden oft. Was darf ich nicht? Mich abküssen. Das müssen wir verschieben.

Und dann die Nachrichtenlage. Manchmal habe ich das Bedürfnis nach Informationen. Was ist los? Was darf ich? Muss ich Angst haben, dass es einen neuen Lockdown gibt oder ist alles im grünen Bereich? Die ständige Angst seit drei Monaten mürbt einen nieder. Manchmal kann ich keine Tagesthemen mehr sehen und keine Corona-Specials. Es sei denn, es ist eine Glasflasche drumrum.

Deshalb: Eskapismus. Die Flucht vor der Wirklichkeit – mit diesem Begriff eigentlich kulturhistorisch negativ belegt – ist ein neuer Trend. Kunden haben mir erzählt, was sie als neue Beschäftigungen aufgenommen haben während des Lockdowns oder auch danach. Tarot legen, kochen, häkeln war dabei. Kinder – männliche sogar – kamen ans Lesen(!). Es wurde gebastelt, getagebucht, gebaumarkt und gevlogt. Viele Leute haben die EXIT-Spiele für sich entdeckt – wann, wenn nicht jetzt? Viele waren im Hausgrün und haben preiswürdige Dinge mit Vorgärten angestellt. Es wurde und wird auch viel gejoggt. Und an trockenen Wochenenden – man riecht’s („Brennt hier was???“) – viel gegrillt. Manch eine oder einer hat sich – wie ich las – einen Welpen zugelegt, Homeoffice macht’s möglich. Dann pinkelt der junge Hund nämlich nicht beim Arbeitgeber, sondern zu Hause den Teppich voll.

Mein Eskapismus ist das Lesen von Nature Writing. Denis Scheck benutzt diesen Begriff oft; ich finde ihn eigentlich etwas gestelzt, aber auch keinen besseren. Naturbeschreibungen klingt so öde. Und ein wenig nach Karl May. Nature Writing ist ein bißchen mehr als das.

Da gibt es die berufsmäßigen Naturkundler, die Reisenden oder die Aussteiger. Einige sind durch Zufall oder Schicksalsschlag an ihre Berührung mit der Natur geraten, andere haben das Abenteuer oder gerade die Entspannung gesucht. Wie auch immer, hier ein paar meiner Highlights:

Natsu Miyashitas „Spielplatz der Götter“ (erschienen im Cass Verlag) ist sowohl Tagebuch als auch Naturbeschreibung, aber irgendwie auch Reiseerzählung. Viel Japan kommt da rüber, viel Natur und auch sehr viel Humor. Den braucht Frau Miyashita aber auch.

Von einer Kundin empfohlen wurde mir Sue Hubbells „Leben auf dem Land“ (Diogenes). Eine Bibliothekarin zieht in die Ozarks und wird Imkerin. In einem Jahreslauf erzählt sie kapitelweise (ursprünglich als Zeitungsartikel veröffentlicht) von ihrem Leben unter einfachen Umständen, aber mit viel harter Arbeit. Ein Genuss, es zu lesen. Könnte auch heute spielen, ist aber schon 40 Jahre alt.

Immer noch eine wunderbar traurige, aber auch ermutigende Lektüre ist „Penguin Bloom“ (Penguin Verlag – Zufall?): eine australische Elster findet eine Familie gerade dann, als sie einander am meisten brauchen. Die gekonnten und gefühlvollen Fotos des Autors Cameron Bloom bringen die beste Seite an dieser speziellen Familiengeschichte hervor.

Im Moment lese ich gerade an drei Titeln des Nature Writing: „Ich esse, also jage ich“ (Ullstein Verlag) von Fabian Grimm, der in Einzelheiten beschreibt, wie er vom Vegetarier zum Jäger wird…

… Frank Nischks „Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere“ (Ludwig Verlag) über allerlei Kerbgetier, sehr unterhaltsam geschrieben und…

„Fräulein Draußen“ von Kathrin Heckmann, ebenfalls bei Ullstein erschienen. Frau Heckmann hat ihren Bürojob gegen das Fotografieren und Bloggen im Draußen getauscht. Kann genauso als Reisebeschreibung gelesen werden. Oder Pilgerbericht.

Hauptsache, es entführt einen. In die Welt des Eskapismus.