Wer steuert, was wir lesen?

Heute morgen habe ich im Börsenblatt – dem Fachorgan für Buchhändler – einen interessanten Artikel gelesen: Kollegen berichteten über ihre guten Erfahrungen mit einem eigenen Regal für Spiegel-Bestseller. „Das verkauft sich wie von selbst“, sagen die Kollegen. „Rewe macht das auch. Das ist wirklich, was die Kunden wollen“, behaupten sie.

Wollen sie?

Solche Regale habe ich auch schon mal gesehen, manchmal bei Kollegen mit größeren Verkaufsfläche, die aber nicht zwangsweise mit größerer Kompetenz einhergehen muss. Jede Woche, wenn die neuen Spiegel-Bestsellerlisten erscheinen, wird dann im Optimalfall pünktlich das Regal neu durchsortiert und die Bücher nach Ranking aufgestellt. Nach dem Motto: wenn alle anderen Lemminge das Buch lesen wollen, wollen Sie das auch. Sie wissen es nur noch nicht.

Ich sträube mich – auch nach dem Artikel im Fachorgan – immer noch gegen eine solche Präsentation in meiner Buchhandlung. Zum einen halte ich meine Kunden für mündig genug, selbst einzuschätzen, was sie interessiert. Oder um Beratung zu bitten, die wir gerne anbieten. Zum anderen sind Geschmäcker verschieden. Auch wenn wir Bestseller führen, heißt es nicht, dass bei uns das Gießkannenprinzip herrscht. Was dem einen Kunden gefällt, muss für den nächsten noch nicht das Richtige sein. Da gibt es so Geschmäcker – und die sind verschieden.

Quelle der Bestsellerlisten sind Verkaufszahlen, dem Handel entnommen. Entlehnt sollte man vielleicht besser sagen. Bücher, die an einem Freitag erscheinen, finden sich am Dienstag auf Platz 1 der Bestsellerliste. Verdächtig schnell, sagen Sie? Ja. Aber das kann schon hinkommen, wenn wir von Stapeltiteln sprechen, die sich wie geschnitten Brot verkaufen und Großbuchhandlungen ihre Verkaufszahlen des Tages sofort an Mediacontrol melden. Welch grausige Vorstellung! Die Kaufentscheidung des Einzelnen schlägt sich sofort nieder in einer Statistik.

Was ist los mit uns? Sind wir nicht sonst immer scharf auf unsere Individualität? Aber beim Lesestoff lassen wir uns von der breiten Masse gerne leiten. Haben wir solche Angst vor einem Leseflop, dass wir lieber der Majorität vertrauen als unserem eigenen Instinkt?

Wie wichtig ist die Spiegel-Bestsellerliste für Buchhändler, wie wichtig für Leser? Können auch Bücher gut sein, die nicht auf der Bestsellerliste landen? Können Buchhandlungen nicht eigene Bestseller haben, weil ihnen bestimmte Titel am Herzen liegen, die sie gern an die richtige Person verkaufen? Und wer steuert, was auf die Bestsellerliste kommt? Autor Thorsten Schulte beklagte neulich öffentlich, man hätte ihn von der Bestsellerliste gestrichen, weil er einen kritischen Sachbuchtitel veröffentlicht habe. Na und? Sein Buch verkauft sich doch trotzdem. Unabhängig davon, ob ich den Titel mag oder nicht, kann ich seine Aufregung nicht verstehen. Wie kritisch ist ein Autor, der an solch einem unkritischen Medieninstrument hängt wie der Spiegel-Bestsellerliste?