Fähnlein Fieselschweif unterwegs

Neulich in einem nicht näher genannten Ort in der Nähe von Bremerhaven: Das dortige Gymnasium hatte Schulbücher bei uns bestellt und wünschte eine Lieferung kurz nach Ferienbeginn. Sowohl Schulleitung als auch Helfer waren willig, die Lieferung entgegenzunehmen und zu verstauen. Wir einigten uns kurzfristig auf einen Liefertermin, also rief ich die Bestellmenge bei unserem Lieferanten ab und bei Eintreffen der mehr als 100 kg Bildungsgüter hatten die Kollegin und ich jedes Buch etwa drölfmal in der Hand – auspacken, kontrollieren, zählen, nach Titelzugehörigkeit aufstapeln, nochmal kontrollieren, nochmal zählen, geraderücken, nochmal zählen, noch einmal mit der Bestellung abgleichen. Wir zählen mehr als einmal, wie man sieht.

Ich hatte mir die Route zuvor auf Google Maps angesehen, da ich als selbstständig beschäftigtes Kerlchen ja nicht viel von der Welt zu sehen bekomme. Tags darauf fuhr freundlicherweise mein Schwager mit mir die Tour, und als wir zur fraglichen alles entscheidenden Kreuzung kamen, sagte ich: „Hier rechts, dann die zweite links und wir sind da.“ Wir waren gerade noch so in der Zeit und mein Schwager warf ein: „Ach, wir können auch geradeaus fahren, dann die erste rechts.“ – „Okay“, sagte ich. „Aber ich habe mir nur die eine Route gemerkt. Ändern wir die, bin ich lost. Aber wie groß kann das hier schon sein?“ – „Groß nicht“, sagte Schwager. „Aber lang’n.“

Gesagt, getan. Aber die erste rechts ging nicht, gesperrt. Die zweite rechts war schon ganz schön weit von der Kreuzung-der-Entscheidung weg. Wir fuhren die nächstmöglich rechts und befanden uns mitten im Wald. „Schön wohnt man hier“, meinte ich. Aber wir wollten ja nicht wohnen, wir wollten liefern. Kurz darauf fanden wir uns an der Landesgrenze wieder. Keine Schule weit und breit, nur eine Menge Busch und eine Buswendehaltestelle. Wir hielten, ich stieg aus und sah mir mal die Gebäude an. Keines davon war eine Schule. Vor einem großen Haus stand der Wagen eines Fliesenlegers – darin zwei Mitarbeiter, schlafend. Stören wollte ich auch nicht. Telefonisch zu erreichen war die Schule gerade nicht, unter zwei Nummern nicht. Ich wollte mich wenigstens für die nun entstandene Verspätung entschuldigen. Als ich zurück zum Parkplatz kam, unverrichteter Dinge, war mein Schwager mit dem Auto weg.

Lost in…

Ta-da-daaaaam.

Wir gratulieren Stefan Gemmel zum Weltrekord

Stefan Gemmel, Kinder- und Jugendbuchautor aus Rheinland-Pfalz, der uns ganz besonders am Herzen liegt, hat es geschafft: zusammen mit Eva Pfitzner von der „Leserattenservice“-GmbH hat er einen dritten Weltrekord um das Thema Lesen aufgestellt: die größte Einzellesung eines Autoren vor einem Publikum. So geschehen am Freitag, den 18.Mai – und das war ein Problem.

Stefan hat seine Figuren Alex und Sahli, bekannt aus seiner Kinderbuchreihe „Im Zeichen der Zauberkugel“, ein Abenteuer in der Commerzbank-Arena in Frankfurt erleben lassen und auf Einladung der Arena auch dort seinen Versuch, den Weltrekord von 2012 einzustellen, in Angriff genommen. Charmante Idee, doch mussten dieses Mal mehr als 5.400 Schüler, die seiner Einladung 2012 gefolgt waren, kommen. Am Freitag vor Pfingsten, einem denkbar ungünstigen Tag, um Schulen einzuladen. Zudem Hessen Abiturprüfungen durchgeführt hatte.

Am Mittwoch hatten wir noch telefoniert. „Ja, das schaffen wir nicht“, hat Stefan trocken gesagt. „Wie? Das schafft ihr nicht?“ habe ich völlig perplex gefragt. „Natürlich schafft ihr das!“

Natürlich schafften sie es.

 

 

Warum Kinder lesen – und warum nicht: Teil 3

Alles so schön bunt hier – Die Konkurrenz

… durch scheinbar spannendere Dinge im Leben.

Die Branche diskutiert, warum immer weniger gelesen wird. Sind es die Konkurrenzprodukte, also andere Medien wie Videos, Internet, Computer- und Onlinespiele? Wird unsere Aufmerksamkeitsspanne geringer, da unsere Zeit schnelllebiger wird? Können oder wollen wir uns auf das Lesen nicht mehr konzentrieren?

Es ist müßig, darüber zu diskutieren. Die Buchproduktion wird nicht kleiner, sie wird größer. Es wird nicht weniger gekauft, nur anders. Wird wirklich weniger von dem, was gekauft wird, gelesen? Niemand weiß es. Und wer behauptet, es zu wissen, der solle mir einmal erklären, wie er das ermittelt hat. Zehn Menschen an einem Samstag Abend in der Eckkneipe zu fragen, stellt keine Umfragebasis dar.

Natürlich beschäftigen sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene auch mit anderen Dingen in ihrem Leben – warum auch nicht? Haben sie das nicht schon immer? Ist das schlimm?

Ich denke, wir sind ein wenig verkrampft in dieser Angelegenheit. Natürlich entgeht mir als Buchhändlerin nicht, dass ich morgens im Bus oft die einzige aller Fahrgäste bin, die liest. Wenn ich mal verstohlen auf die Handys anderer Menschen sehe, entdecke ich Gedaddel oder Whatsapp. (Und wer das im Bus macht, muss damit rechnen, dass andere mitgucken. 🙂 ) Da überlegt man schon, ob das Buch in der deutschen Kultur nicht mehr den Stellenwert von früher hat. Und dann fragt man sich, wie man um acht Uhr früh schon auf solch verschwurbelte Gedanken kommt und liest weiter.

Ich habe Kinder- und Jugendbuchautor Stefan Gemmel mal gefragt, was er zum Thema lesende oder nichtlesende Menschen denkt. Und das ist seine Meinung:

„Meine Erfahrung ist: Wenn jemand keine Schokolade isst, dann hat er entweder eine Allergie oder noch nicht die richtige Sorte für sich gefunden.

Weil man gegen Bücher aber nicht allergisch sein kann, ist es so, dass ein Nichtleser nur noch nicht das richtige Buch für sich gefunden hat.

In der Fülle an spannenden Abenteuern ist bestimmt für jeden etwas dabei. Man muss nur das richtige finden.

Zum Glück gibt es Buchhändler. Die sind geschickt, wenn es darum geht, für jeden Leser das passende Buch zu finden.

Gegen Allergien weiß der Arzt Rat. Bei Büchern der Buchhändler. Bloß braucht man bei Letzterem keine Spritzen zu befürchten …“

(Stefan Gemmel, selbst als Kind absoluter Nichtleser, heute mehrfach ausgezeichneter Autor und sogar zweifacher Lese-Weltrekordler)

Danke an Stefan für seinen Beitrag. Danke an alle anderen für’s Lesen.

Des Blogs. Und der Bücher!

Warum Kinder lesen – und warum nicht: Teil 2

Die Angst vor der Langeweile

Eigentlich unverständlich – Menschen haben Angst, zu lesen. Dafür gibt es, glaube ich, gar keinen Fachausdruck – ich biete einen an: Lektophobie.

Eigentlich haben sie gar keine Angst, zu lesen, sondern davor, sich beim Lesen zu langweilen. Das kann ich verstehen, das mag ich auch nicht. Vielleicht hält es eine Menge Kinder davon ab, mehr zu lesen – die Angst, dem Buch nicht folgen zu können, weil der Inhalt zu schwierig ist.

Ich habe keine Kinder. Naja, ich habe eine Firma, das ist auch ein Kind. Und einen Ehemann. Das zählt doppelt. 🙂 Ich kann nur darüber nachdenken, was mich als Kind zum Vielleser gemacht hat und welche Schlußfolgerungen man daraus ziehen könnte. Die Nachahmung haben wir letzte Woche schon besprochen; die Neugier an der Welt könnte man es nennen, was meinesgleichen an die Bücher treibt.

Woher kommt die Angst? Auch ich hatte eine wohlmeinende Tante – Vielleserin – die mich zum Geburtstag stets mit Büchern bedacht hatte, die zu schwierig für mein Alter waren. Mit einigen dieser Bücher kam ich nicht klar, habe sie abgebrochen und später nie wieder angerührt. Das Gefühl, mit dem Inhalt nicht zu Rande gekommen zu sein, hat sich offenbar tief eingebrannt. Die Angst vor einer neuen Leseenttäuschung ist da.

Ein guter Grund, um heute dafür zu plädieren, Kinder lesen zu lassen, was ihnen Spaß macht. Nichts ist zu einfach, zu schwierig, zu hart, zu peinlich oder unpassend. Oder was ich auch oft in meinem Job höre: bitte empfehlen Sie mir für das Kind nichts Belastendes, nichts vom Krieg und nichts mit kranken oder toten Menschen. Weil – was? Kinder bleibende Schäden durch Bücher verursacht würden? Ernsthaft? Bei dem ganzen Kram, der uns in den Nachrichten präsentiert wird?

Wissen Sie, was wir als Kinder damals gerne gelesen haben? „Die Brüder Löwenherz“ – kranke und tote Menschen; „Robin Hood“, nacherzählt von Rosemary Sutcliffe – hartes Leben, ewiger Kampf gegen ein übermächtiges Establishment, toter Held mit langer Sterbeszene; „Die unendliche Geschichte“ – seuchenartiger Naturraubbau, kranke Kaiserin, gemobbter Held; „Die letzten Kinder von Schewenborn“ – dystopische Verhältnisse, sterbende Menschen, tote Eltern und schlechte Aussichten für die Zukunft; „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ – Krieg; Anne Franks Tagebuch – Krieg; Bille und Zottel…okay.

Ich kann es den Kindern nachempfinden: bei jedem Buch, das ich anfange, freue ich mich entweder darauf oder hoffe, nicht enttäuscht zu werden. Und wenn man noch nicht so viel gelesen hat in seinem Leben, möchte man einfach nicht enttäuscht werden. Liest man viel, kann man auch ein Buch wegstecken, das nicht den Rest des Lebens verändern wird, aber Kinder brauchen Erfolgserlebnisse. Die bekommen sie am besten, wenn man sie lesen lässt, was ihnen Spaß macht. Und sei es ein Comic – Comics sind anspruchsvoll! In Entenhausen spricht man ein wohlerzogenes, gebildetes Deutsch – zur Nachahmung empfohlen.

Lest doch, was ihr wollt.

Schalten Sie wieder ein zum dritten Teil unserer Blog-Serie: Alles so schön bunt hier

 

 

Warum Kinder lesen – und warum nicht: Teil 1

Kein Vorbild

Genauso könnte man fragen, warum einige Menschen lesen und warum andere nicht.

Seit mehr als 25 Jahren bin ich Buchhändlerin und genauso lange frage ich mich das. Und nicht nur ich allein. „Stiftung Lesen“ und der Friedrich-Bödecker-Kreis für Leseförderung fragen sich das. Die Bürgerstiftung Bremerhaven fördert Leseclubs von Schulen in der Stadt – und redet viel zu wenig darüber. Viele Schulen haben mehr oder weniger gut sortierte Bibliotheken. Es gibt Bücherkindergärten (eine Initiative des o.g. Bödeckerkreises), Sie sehen also – an Ansätzen zur Leseförderung mangelt es nicht.

Warum also lesen – angeblich – immer weniger Menschen? Wobei man vorsichtig sein muss mit dieser Statistik, denn mir ist nicht ganz klar, auf welchen Daten sie basiert. Nicht jeder meldet seine gelesenen Bücher einer Website… aber viele.

Vielleicht ist es die vielgerühmte Digitalisierung. Angeblich wird ja viel dafür getan. Ich bin mir nur nicht so sicher, dass das der heilige Gral ist. Vielleicht sollten wir etwas Dampf herausnehmen und uns lieber wieder auf echte Werte besinnen.

Das klingt ein wenig wie aus einem Glückskeks, aber überlegen wir doch mal. Die meisten von uns fühlen sich vom Alltag gehetzt – ich auch. Viele Familien nehmen sich dennoch die Zeit, ihren Kindern vorzulesen, solange diese klein sind. Doch danach gehört das Lesen vielleicht nicht mehr unbedingt in den Tagesablauf. Wie auch mein Mann bin ich in einem Arbeiterhaushalt aufgewachsen, dennoch hatten wir viele Bücher zu Hause und ich habe meine Eltern als Erwachsene lesen sehen, Zeit mit einem Buch verbringend. Wenn Kinder das beobachten, imitieren sie es auch und übernehmen es mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihr Erwachsenenleben.

Unser Alltag zerrt aber die ganze Zeit an uns herum und macht uns sprunghaft und unkonzentriert. Das kann und soll man nun nicht abstellen – nicht jeder von uns kann in einem einsamen Wald leben – aber man kann sich Zeiträume schaffen, in denen die Ruhe vorherrscht, zu lesen. Und in denen man sich und Kindern zugesteht, zu lesen, auch wenn es anderes zu tun gäbe.

Denn wenn man nicht liest, wie arm ist dann doch das Leben?

Schalten Sie wieder ein, wenn wir in der nächsten Folge diskutieren: Die Angst vor der Langeweile

 

Taschenlampenlesung mit Autorin

Zu unserer diesmonatigen Taschenlampenlesung am kommenden Freitag haben wir Autorin Birte Lämmle freundschaftlich gezwungen, bei uns zu lesen. Sie stellt uns ihren Roman „Enya – Windsbraut“ vor, in dem es um ein junges Mädchen geht, das nach dem Tod seines Vaters den Kapitänsposten und sein Schiff erbt. Doch sie muss sich nicht nur Respekt bei der Mannschaft verschaffen, sondern auch ihre geheime Gabe verbergen…

Wer dabei sein mag, der möchte sich bitte telefonisch bei uns anmelden unter 4834471. Los geht es um 19 Uhr; geeignet ist die Lesung für junge Zuhörer ab etwa 10 Jahren und alle Erwachsenen, die Spaß am Zuhören haben.

Unternehmensführung mit Linkin Park

Die Kollegen haben ja immer tolle Ideen. Überhaupt hat jeder tolle Ideen. Jeder andere. Ich dachte immer, ich hätte mich selbstständig gemacht, um meine Individualität auszudrücken. Was nicht bedeuten soll, dass ich mich nicht am Markt oder den Wünschen meiner Kunden orientieren mag.

Das hier vielzitierte und von mir oft geprügelte Fachorgan des Buchhandels, das „Börsenblatt“ (da habe ich auch eine tolle Idee: ersetzen wir doch nach 184 Jahren endlich mal den antiquierten Namen; wir könnten es ja „QualityBlatt“ nennen…!), hat auch viele Vorschläge dazu. Und so kluge! Spiegelbestseller-Regale, zum Beispiel oder Ticketverkauf im Buchhandel. Lesenächte und Arbeitsplatztausch. Die Redaktion ruft die Mitglieder dazu auf, Bilder und „Postings“ ihrer Veranstaltungen einzureichen, damit andere Kollegen dann vielleicht… nun ja, auf tolle Ideen kommen. Man kann ja auch auf Fremdideen kommen. Irgendwann denkt man ohnehin, es war eine eigene.

Aber es ist nicht das Börsenblatt allein, dass einem in letzter Zeit mit so einem Egalisierungsbrett daherkommt: alles schön glattstreichen. So macht man das und nicht anders. NICHT ANDERS! Da bekommt man Anrufe von Unternehmen mit fremder Vorwahl. Nach ein oder zwei Minuten stockenden Gefasels frage ich dann: was verkaufen Sie? Kluge Antwort: das erkläre ich Ihnen ja gerade. Okay, hatte ich noch nicht gemerkt. Eine Empfehlungsplattform, höre ich. Da könnten Kunden dann anrufen und dann wird mein Unternehmen empfohlen. Und alles kostenlos. Der geneigte Marc-Uwe Kling-Leser weiß aber: nichts im Netz ist kostenlos. Nichts!

Oder anderweits soll ich dafür bezahlen, dass mich Kunden im Internetz finden. Frage an den Anrufer von der Billiglohnunternehmensfinderfirma aus Aruba: Wie haben Sie mich denn dann gefunden? – Stille.

Mein Unternehmen ist nicht perfekt. Es ist so modern und so digitalisiert, wie es sein muss und so herzlich und vor allem persönlich, wie ich kann. Es ist so professionell, wie es irgend geht, aber auch so fehlerhaft, wie Menschen sind. Es ist voller Leben und toller Begegnungen und toller Bücher, aber es ist auch voller verworfener Ideen. Es ist eben echt. Echt Buchhandel, echt Lehe. Und wenn ich eine Unternehmensphilosophie annehmen möchte, dann ist es ein kluger Ratschlag der Band Linkin Park: All I want to do is be more like me and be less like you.

Marc-Uwe Kling lesen und für’s Leben lernen

Mein guter Vorsatz für jedes Jahr lautet stets, keine guten Vorsätze zu fassen. Ohnehin habe ich wenige Laster, die ich mir abgewöhnen sollte; sicherlich gibt es immer etwas am Lebenstil zu verbessern, aber ehrlich gesagt, fehlt einem Selbständigen dazu oft die Kraft.

Aber in dieses brandneue Jahr bin ich zu meinem großen Erstaunen mit etwas mehr Gelassenheit gestartet. Prompt fiel mir auf, dass so ein guter Vorsatz je auch rückwirkend gefasst werden könnte: mehr Gelassenheit ist ja auch nie verkehrt. Vielleicht ist es auch nur noch die Erschöpfung. Das Weihnachtsgeschäft war gut und hat viel Spaß gemacht – unsere Kunden sind der Hammer und das Team war klasse. Aber es war eben auch sehr anstrengend und jedes Jahr dauert es etwas länger, bis man sich davon erholt hat.

Erst gestern morgen drohte meine Gelassenheit, mich zu verlassen, nämlich als ich gewahr werden musste, dass die Sparkasse die Kassenschalter in der Zweigstelle Lehe geschlossen hat. Für immer. Man dürfe nun an den Automaten einzahlen, erklärte mir der nette junge Mitarbeiter, der meine Verständnislosigkeit erleben musste. Bisher habe ich immer an der Kasse eingezahlt, nicht nur, weil am Automaten meine Einzahlung schon einmal nicht gebucht wurde, sondern auch des persönlichen Kontaktes wegen.

Ich weiß, warum Banken so etwas tun, jeder weiß es: sie sparen damit Personal ein. Mitglieder der IG Metall gehen gegen so etwas auf die Straße, Mitarbeiter einer Bank erklären einem geduldig und akribisch den Automaten, der in Zukunft ihren Arbeitsplatz einnehmen wird. Lämmer, geht mir da durch den Kopf, Schlachtbank… lassen wir das. Wofür zahle ich eigentlich noch die hohen Gewerbekontengebühren, wenn ich dann doch alles selber machen muss? Auch eine der unendlich vielen Fragen des brandneues Jahres.

Vielleicht habe ich auch nur zu viel Marc-Uwe Kling gelesen bzw. gehört. Im letzten Herbst hat er uns „QualityLand“ vorgelegt und da wussten wir endlich, was er die Jahre seit dem Erscheinen des letzten Bandes der Känguru-Trilogie getrieben hat – außer durchs Land zu tingeln und Stadthallen zu füllen, selbstverständlich.

„QualityLand“ ist witzig, bitterböse, sehr politisch und äußerst klug. Es verlangt dem Leser so viel ab, wie er bereit ist, herauszulesen. Im Moment genieße ich es noch einmal als Hörbuch und mir dämmert, dass man – ähnlich wie das Känguru – dieses Buch wiederholt lesen und immer wieder etwas Neues finden kann.

Unterschwellig oder auch weniger unterschwellig merke ich, wie wütend Marc-Uwe Kling ist. Scharfsinnig verpackt er in seinen Witzen und Anspielungen, mit welchen Schwierigkeiten wir heutzutage zu kämpfen haben, im Alltag, auf der Arbeit, in der Politik, im Netz. Seine Satire „QualityLand“ spielt in einem Deutschland 30, vielleicht 40 Jahre in der Zukunft. Es könnte auch schon viel früher sein, denn die technologischen Entwicklungen, die stattgefunden haben, sind alle nicht mehr so weit weg: selbstfahrende Autos, Kameraüberwachung in jedem Haushaltsgerät, die Zustellung unverlangter persönlicher Warenbestellungen per Drohne aufgrund von von Algorithmen ermittelter unbewusster Konsumwünsche, ein Wertesystem, das sich auf Bewertungen stützt. Wir lachen über die Situationen in diesem Buch, aber in Wirklichkeit sind sie schreckliche Utopien und es wird so geschehen, weil wir uns einfach nicht mehr wehren wollen. Wir wissen, worauf wir zusteuern und doch nicken wir alles ab und schalten dann um auf RTL II. Oder erklären Kunden den Automaten.

„QualityLand“ sollte als Pflichtlektüre an Schulen gelesen werden. Aber ich fürchte, wir haben die Generation Wischtelefon schon verloren.

„WERBUNG“:

„QualityLand“ – der neue Roman von Marc-Uwe Kling, dem Verfasser der „Känguru“-Trilogie. Jetzt im klugen stationären Buchhandel wahlweise in der „hellen“ und der „dunklen“ Ausgabe erhältlich. Lassen Sie sich den Unterschied von den menschlichen Mitarbeitern des Buchhandels erklären und nicht von Algorithmen.

„Kommentare“:

Von Buchmäuschen352: Prima Lektüre. Witzig.

Von schnatzi: Hab ich zu Weihnachten bekommen. Ist echt gut! Habs aber noch nicht angefangen.

Von Buchbloggerin: Ganz tolles Buch Lest doch auch meinen Blog unter www.blablablasoundso

 

 

 

 

 

 

 

 

Was sortiert der Sortimenter denn?

Wir Buchhändler heißen Sortimenter. Wir sortieren. Und zwar das, was an unser Lager soll und das, was wir nicht haben wollen. Und die Kriterien können durchaus sehr persönlich sein und manchmal machen sie auch wenig Sinn. Aber das ist das kleine Glück des Sortimenters: die persönliche Auswahl. Manchmal eben auch zum eigenen Nachteil.

Auch ich habe eine schwarze Liste, ganz geheim: Autoren, die mir nicht ans Lager kommen. Wer das ist, sage ich nicht, aber ich habe für jeden einen sehr guten, wenn auch verbohrten persönlichen Grund.

Ich sitze gerade zu Beginn der Adventszeit am Samstag Abend auf der Couch, nebenbei läuft Musik und es ist noch nicht ganz Zeit, das Abendessen zu machen. Also sortiere ich ein bisschen. Mal überlegen, was so fehlt am Lager. Mal gucken, was KNV so hat. Hölzchen – Stöckchen – dicke Abrechnung. Aber: Weihnachten ist’s bald und da fehlen nicht nur mir gute Ideen für sinnvolle Geschenke.

Kinderspiele, auch noch und ein paar Geschenkartikel. Haben wir noch genug Wein? Nach einer Stunde fällt mir ein, dass wir ja eigentlich mit Büchern handeln, aber ich bin mir sicher, da haben wir noch ein paar. Ganz ehrlich: das hier ist gar nicht so einfach. Ich meine, bin ich Jesus? Weiß ich, was die Kunden kaufen mögen?

Und doch ist genau das mein Job.
Love it!